Mahngang zur Erinnerung an Opfer des Faschismus

Stolpersteine Ostenhellweg 41Aus Anlass des Holocaust-Gedenktages hat das Bündnis Dortmund gegen Rechts einen Mahngang von den Stolpersteinen auf dem Ostenhellweg zum Gedenkstein für die ermordeten Sinti und Roma durchgeführt.

Berichterstattung der Nordstadtblogger

Wir dokumentieren hier die Redebeiträge. Der Redebeitrag vom Gedenkstein an der Gronaustraße folgt in den nächsten Tagen.

 

Stolpersteine Ostenhellweg 41 

Dieses Haus gehörte bis 1941 der Familie Friede. Das Haus war ein Wohn- und Geschäftshaus, das Walter Friede mit seiner Familie nutzte. Auch Friedes Schwester Meta Nußbaum lebte hier mit ihrer Familie. Walter Friede betrieb hier sein Geschäft (Betten Voepel K.G. unter der Adresse Ostenhellweg 39-41 laut amtlichem Adressbuch von 1941); der Ostenhellweg war auch damals schon eine große Geschäftsstraße, in der sogar Straßenbahnen und Autos fuhren.

Das Ehepaar Friede hatte zwei Kinder, Ernst und Cläre. Der 1923 geborene Ernst hat 1938 Dortmund verlassen, um sich auf einem Auswanderer-Lehrgut auf seine Ausreise nach Palästina vorzubereiten. Seine Spur verliert sich, möglicherweise konnte er auswandern.

Die drei anderen Familienmitglieder, Tochter Cläre, Mutter Martha und Vater Walter Friede wurden am 27. Januar 1942 nach Riga deportiert; Martha Friede wurde im August 1944 in das KZ Stutthof weitertransportiert, dort starb sie im Dezember 1944. Die Spuren der 1924 geborenen Cläre und von Walter Friede verlieren sich in Riga, sie wurden 1945 für tot erklärt.

Die Familie von Walter Friedes Schwester, Meta Nußbaum und ihr Mann Julius Nußbaum, wurden im April 1942 deportiert, und zwar in das Durchgangslager Zamosc in Polen; auch ihre Spur verliert sich. Tochter Margot konnte Ende der 30er Jahre vor Beginn des 2. Weltkrieges nach England emigrieren und wanderte nach Palästina aus; sie hat Dortmund einmal anlässlich eines Klassentreffens besucht. Ihr Bruder Günter bereitete sich wie sein Cousin Ernst auf einem Lehrgut auf die Auswanderung vor; seine Spur verliert sich ebenso und er wurde 1945 für tot erklärt.

Für die Familien Friede und Nußbaum sind hier vor dem Haus insgesamt 8 Stolpersteine verlegt worden.

Doch damit ist das Schicksal der Bewohner dieses Hauses noch nicht zu Ende erzählt.

Nachdem die Familien Friede und Nußbaum deportiert waren, wurde das Haus als so genanntes „Judenhaus“ weitergenutzt. In diesen „Judenhäusern“, deren Besitzer ihres Hauses beraubt worden waren, wurden Juden zusammengepfercht, um auf ihre Deportation zu warten. So auch hier, Ostenhellweg 41.

13 weitere Personen sind jetzt namentlich bekannt, die hier bis zu ihrer Deportation lebten; nicht zu allen von hier Deportierten finden sich Spuren. Für die Familien Samson und Wolff und den schon 1941 mit Wohnadresse Ostenhellweg 41 gemeldeten Albert Schönemann ist mir dieses gelungen.

Im „amtlichen Adressbuch Dortmund 1941“ sind, neben den Familien Friede und Nußbaum auch weitere Personen als Bewohner verzeichnet, so auch Albert Schönemann. Zur Stigmatisierung der Juden im faschistischen Deutschland gehörte der „amtliche“ Namenszusatz „Israel“ bzw. „Sara“ in Dokumenten und Verzeichnissen. Neben dem „Gelben Stern“ wurden Juden so noch weiter diskriminiert.

Albert Schönemann wurde am 17.6.1871 geboren. Mit der Transport-Häftlingsnummer 116 wurde er von Dortmund nach Theresienstadt (Tschechoslowakei) deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 955 wurde er von dort am 23.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert und dort im Alter von 71 Jahren ermordet. 

Im Dortmunder erport-Portal (Verzeichnis der Stolpersteine) sind, neben anderen Menschen, Bendix, Herz und Ruben Samson und Daniel und Henny Wolff verzeichnet, die hier im sogenannten „Judenhaus“ Ostenhellweg 41 vor ihrer Deportation lebten.

In der Datenbank des Internationalen Instituts für Holocaust-Forschung (Yad Vashem) habe ich ihre Spuren und die von Albert Schönemann wiedergefunden:

Bendix Samson hieß Benjamin Samson und wurde am 6.12.1860 geboren. Mit der Transport-Häftlingsnummer 56 wurde er von Dortmund nach Theresienstadt deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 798 wurde er von dort am 26.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert und dort im Alter von fast 82 Jahren ermordet.

Herz Samson wurde am 10. April 1863 geboren. Mit der Häftlingsnummer 57 wurde er von Dortmund nach Theresienstadt deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 945 wurde er von dort am 23.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert und dort im Alter von 79 Jahren ermordet.

Ruben Samson hieß Reuven Samson und wurde am 21.3.1868 geboren. Mit der Häftlingsnummer 58 wurde er von Dortmund nach Theresienstadt deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 946 wurde er von dort ebenfalls am 23.9.1942 nach Treblinka weiterdeportiert und dort im Alter von 74 Jahren ermordet.

Henny Wolff, geb. Hartogsohn, wurde am 29.8.1881 geboren. Mit der Häftlingsnummer 73 wurde sie von Dortmund nach Theresienstadt deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 1332 wurde sie von dort am 6.10.1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort im Alter von 63 Jahren ermordet.

Daniel Wolff wurde am 18.10.1895 geboren. Mit der Häftlingsnummer 72 wurde er von Dortmund nach Theresienstadt deportiert. Mit der Transport-Häftlingsnummer 1251 wurde er von dort am 28.9.1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort im Alter von 49 Jahren ermordet.

Alle oben genannten, die Familien Fried, Nußbaum, Samson, Wolff und Albert Schönemann wurden am 29.7.1942 mit dem Transport X/1 mit dem Zug Da 72 deportiert und umgebracht.

Ich schließe mit einem Zitat des polnischen Zwangsarbeiters, Auschwitz-Überlebenden und Historikers Marian Turski, der am 18. März 2012 bei der Eröffnung der Ausstellung „Zwangsarbeit“ auf der Zeche Zollern II/IV in Dortmund sagte: „Wenn Ihr nicht vergesst, werde ich schweigen können!“

 

Rede am Stein für die Sinti und Roma

Heute verbinden wir das Gedenken an die jüdischen Opfer mit dem an die Sinti und Roma. Von hier, dem ehemaligen Ostbahnhof , wurden sie in die Vernichtungslager, in den Tod transportiert. Dieser Stein wurde vom Landesverband der Sinti und Roma errichtet, nicht von der Stadt, nicht von ihren Bürgern. 

Der Völkermord der Hitlerfaschisten an den sogenannten „Zigeunern“ war im Nachkriegsdeutschland kein Thema, war verdrängt, und auch ihre Diskriminierung ging weiter. Erst ihr verzweifelter Hungerstreik in den 80er Jahren im Konzentrationslager Dachau, brachte die Verbrechen, die an ihnen verübt worden waren, ins öffentliche Bewusstsein. 500.000 Frauen, Männer und Kinder waren dem Rassenhass der Nazis zum Opfer gefallen, mit bestialischen, medizinischen Experimenten zu Tode gequält, verhungert, erschlagen, vergast.

Die Anerkennung als Opfer des Nazi-Regimes und eine Wiedergutmachung, wenn sie überhaupt gegeben wurde, ist von den Verbänden der Sinti und Roma selbst erkämpft worden. Noch heute leben sie oft am Rande der Gesellschaft, an den Rändern der Städte, zwischen Autobahnkreuzen, Industriebrachen und Müllhalden. An ihrer Lebenssituation hat auch das zentrale Denkmal in Berlin, bei dessen Enthüllung viele schöne Politiker-Reden zu hören waren, nichts geändert.

In den letzten Monaten ist nun von Politik und Medien eine Debatte über die Zuwanderung aus Südosteuropa losgetreten worden, die alle Ressentiments gegen Flüchtlinge und Zuwanderer bedient, die Rassenhass schürt und insbesondere auf die Roma abzielt. Der üble Satz aus Politikermund „Wer betrügt, der fliegt!“ und auch das Unwort des Jahres 2013, „Sozialtourismus“, beschwört das Bild des kriminellen, faulen Betrügers, der sich in „unsere Sozialsysteme“ einnistet.

Kein Mensch verlässt freiwillig seine Heimat. Die Roma kommen nicht nur aus bitterster Armut, fliehen mit ihren Kindern vor Hunger und Kälte, sie flüchten auch vor zunehmender lebensbedrohender Diskriminierung, vor faschistischen Banden. Und was erwartet sie hier? Das schöne Wort von der „Willkommenskultur“ gilt nur für die, die den Ansprüchen der „hiesigen Arbeitsmärkte“ entsprechen; die anderen sollen zu Hause bleiben. Dabei wird die Arbeitskraft auch der Unwillkommenen noch ausgebeutet: für Dreck- und Schwerstarbeit zu Billigstlöhnen.

Die Roma-Familien werden in Flüchtlingsunterkünften, in benachteiligten Stadtteilen, in heruntergekommenen Häusern „willkommen“ geheißen, die dann im Volksmund gerne als „Ekelhäuser“ bezeichnet werden. Dort treffen sie nicht selten auf Bürgerinitiativen, die voller Ablehnung auch offen für rassistische Stimmungsmache der Nazis sind. Und auch die zündeln als „pro Deutschland“, „pro NRW“ und „Partei Die Rechte“ – siehe Berlin-Hellersdorf und Duisburg. Wieder wird einer Stimmung Vorschub geleistet, die in den 90er Jahren mit Parolen wie „Das Boot ist voll!“ zu Brand und Mord führte.

Inzwischen warnen nicht nur Gewerkschaften und soziale Verbände vor der rassistischen Stimmungsmache und weisen darauf hin, dass Wirtschaft, Dienstleistung, der gesamte medizinische und soziale Bereich hierzulande zusammenbrechen würden, wenn es keine Zuwanderung auch aus den südosteuropäischen Ländern geben würde. Selbst das Institut der Deutschen Wirtschaft rudert zurück und weist darauf hin, dass die Wirtschaft durchaus von der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien profitiere und der Fachkräftemangel dadurch gemildert würde.

„Den Lebenden zur Mahnung, der Unmenschlichkeit entgegen zu treten!“ Das ist die Aufforderung an uns, Rassismus zu bekämpfen, überall, wo er in unserem Alltag auftritt. Dazu gehört auch unsere Forderung nach dezentraler und menschenwürdiger Unterbringung in Wohnungen und die finanzielle Unterstützung der Kommunen durch Land und Bund auch für Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen, für medizinische und soziale Betreuung.

In Dortmund sind die Versuche der Nazis, vor Flüchtlingsunterkünften ihren Rassenhass auszutoben, weitgehend gescheitert an der Bereitschaft von vielen, die sich schützend vor die Heime stellen. So soll es bleiben! Seien wir wachsam! Dem Rassismus und Neofaschismus keine Chance!

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