Unserer Mitstreiterin und Freundin Ula Richter zum 75. Geburtstag

Ursula Richter, Mitbegründerin und Sprecherin des Bündnisses Dortmund gegen Rechts, feiert am 2. September 2014 ihren 75. Geburtstag

„Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“

Bild zu Ula Richters Geburtstag

Ursula Richter fühlt sich zwei Leitlinien verpflichtet, die beide eng mit dem 1. September 1939 verbunden sind: „Nie wieder Krieg!“ und  „Nie wieder Faschismus!“ Am Montag, dem 1. September, jährte sich zum 75. Mal der Überfall des faschistischen Deutschland auf Polen und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Kein Tag zum Feiern, eher zum Gedenken. Die Mitbegründerin des Bündnisses Dortmund gegen Rechts feiert am Tag darauf, am 2. September, ihren 75. Geburtstag.

„Ich sollte am 1. September 1939 geboren werden, aber ich wollte nicht raus“, sagt sie lachend. Am 2. September war ihr „Widerstand“ gebrochen – die Ärzte holten sie in Göttingen zur Welt. Das war ihre erste, aber bei weitem nicht ihre letzte „Widerstands-Handlung“: Denn ihr Elternhaus war nicht das, was sie sich politisch gewünscht hätte: „Ich komme aus einer reaktionären, kleinbürgerlichen, konservativen und militaristisch geprägten Familie. Von meinen Wurzeln habe ich mich sehr weit entfernt“, betont sie.

Sie studierte Malerei und Grafik an der Werkkunstschule Hannover und der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Der Lernerfolg war begrenzt: „Meine Professoren Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre waren eher ,Selbstverwirklicher’ als Lehrer und dem Abstrakten zugetan – die Schülerin verunsichert und bockig“, blickt sie zurück. Zeichnen und Malen lernte sie eher beim Arbeiten für die Anatomie in Hannover, beim eigenen Naturstudium, beim Experimentieren mit Malgründen und Farben.

Sie war spätestens seit dem Vietnam-Krieg vollends friedensbewegt, gesellschaftskritisch, antifaschistisch. Allerdings war die Mutter von drei Kindern, die 1975 wegen ihres Mannes Wolfgang nach Dortmund kam, nicht von Anfang an in antifaschistischen Organisationen aktiv. „Schuld“ daran ist ein in Dortmund nicht unbekannter Neonazi: Als Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt 1987 Flugblätter vor Schulen verteilte, organisierte ihre Tochter Wera als Schülersprecherin am Leibniz-Gymnasium Protestaktionen. Als Reaktion landeten Steine in den Fenstern der Richters. Für Ula war das der Impuls, deutlich mehr zu machen. Sie engagierte sich in der Bürgerinitiative Innenstadt-West gegen Neonazis.

Als dann Karfreitag 2000 sie und ihre Mitstreiter die Nachricht erreichte, dass Neonazis Ausländerkinder durch die Nordstadt jagten, organisierten sie eine Mahnwache. Das war auch die eigentliche Geburtsstunde des Bündnisses Dortmund gegen Rechts, das am 1. Mai 2000 offiziell gegründet wurde. Noch heute ist sie eine der Sprecherinnen. Sie will sich – solange es ihre Gesundheit zulässt – auch weiter gegen Krieg und Faschismus engagieren.

Denn von der Notwendigkeit der Arbeit ist sie mehr denn je überzeugt. „Damals haben wir versucht, die Stadt zum Jagen zu tragen“, sagt Richter. „Damals herrschte noch die Vorstellung, dass man die Nazis doch ‚einfach spielen lassen‘ sollte.“ Leider sei man heute so weit wie eh und je von einem gemeinsamen Vorgehen aller demokratischen Gruppen in der Stadt entfernt. Aber zumindest die Kommunikation untereinander verlaufe deutlich friedlicher und entspannter, was auch mit der Arbeit der städtischen Koordinierungsstelle zu tun habe.

Doch fröhlich mag das die 75-jährige nicht stimmen: „Mein Zorn ist deutlich größer geworden.“ Damit zielt Ula Richter vor allem auf die Taten des sogenannten NSU: „Ein ernsthaftes Bekämpfen des Rechtsextremismus geht in diesem Staat offenbar nicht. Beim NSU haben sie Behörden mindestens weggesehen, wenn nicht sogar die Täter aktiv unterstützt.“

„So wie mich der Protest gegen den Vietnamkrieg politisierte, sind es die heutigen Kriege, die eine Weltmacht USA und ihre Verbündeten für Öl und Gas, für das Besetzen der geostrategisch wichtigsten Regionen der Erde entfesseln, die mich auf die Straße, aber auch vor die Staffelei treiben“, zieht sie Bilanz. „Und es sind die deutschen Verhältnisse, ihr Rassismus und Neofaschismus, die mich politisch und künstlerisch beschäftigen.“

Von der Kunst hat sich die Antifaschistin übrigens nie abgewandt, auch wenn für sie die „engagierte Malerei nach wie vor eher in der Nische“ stattfinde. „Darin habe ich mich eingerichtet, fühle mich nach wie vor von der sichtbaren Welt und von den gesellschaftlichen Zuständen, die sie bewegen, herausgefordert.“ Die Schönheit der Welt und ihre außerordentliche Bedrohung seien das Spannungsfeld, welches sie beim Malen umtreibe, beschreibt Richter. Ihr ginge es darum, dies sichtbar zu machen. Das wird bei ihren zahlreichen Einzelausstellungen, aber auch bei der Arbeit im Bündnis deutlich.

„In den 14 Jahren hat sie viele Auftritte bekannter und weniger bekannter Musikerinnen und Musiker vorgeschlagen und organisiert“, erinnern ihre Bündnis-Mitstreiter. „Esther Bejarano in der Reinoldikirche, Josha Gingold auf einer Demonstration durch Hörde, Fred Ape zum Antikriegstag, Peter Sturm bei Gedenkveranstaltungen am Gedenkstein für die ermordeten Sinti und Roma und das Ensemble Varna beim kulturpolitischen Abend für Sinti und Roma im Wichernhaus in der Nordstadt.“

Auch viele der künstlerisch-literarischen Auseinandersetzungen mit dem Faschismus bei Aktionen im öffentlichen Raum, sowohl zu historischen als auch zu aktuellen Anlässen, sind von ihr initiiert oder mitorganisiert worden – immer mit Beteiligung von Kolleginnen und Kollegen, wenn möglich auch gemeinsam mit jungen Leuten.

Die „Scherbenspur“ zur Reichspogromnacht oder das zehn Meter lange künstlerisch gestaltete Banner zum Jahrestag der Bücherverbrennung, die Rezitation „Den Opfern einen Namen geben“ zum Mord an dem Punk Thomas Schulz oder dem Kioskbetreiber Mehmet Kubasik sind Beispiele für ihr Engagement in Dortmund.

Das Bündnis Dortmund gegen Rechts sagt „Danke!“ für viele Jahre kreativer und engagierter Zusammenarbeit!

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