Emschertal-Grundschüler in Dortmund-Sölde erinnern an Friedrich Menze

Ein Stolperstein in Sölde
von Volker Töbel 

Stolperstein Emschertal-GrundschuleSeit vielen Jahren betreibt das Bündnis Dortmund gegen Rechts, in dem ich seit einem halben Jahr mitarbeite, immer kurz vor dem 9. November, also dem Jahrestag der Reichspogromnacht, eine Aktion zum Gedenken an die Opfer der Nazi-Willkür. Stolpersteine werden gesäubert, und in einigen feierlichen Gedenk-Minuten wird an die Opfer erinnert. In diesem Jahr griff die Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie beim Oberbürgermeister der Stadt Dortmund die Idee auf und weitete sie auf das gesamte Stadtgebiet aus.

Ich habe mich daran erinnert, dass auch in dem Stadtteil, in dem ich lebe, in Sölde, ein Stolperstein verlegt ist, und zwar vor der Grundschule, ein wenig seitlich von der Bushaltestelle und damit leider nicht sehr auffällig. Dieser Stein erinnert an Friedrich Menze, in den Jahren bis zu seiner Internierung 1944 Leiter der Volksschule Dortmund-Sölde.

Ich wusste, dass der Sölder Stolperstein schon 2008 verlegt worden war, aber nicht, auf wessen Veranlassung hin das geschehen war. Ich wollte gern eine Gedenkaktion in Sölde initiieren, aber dabei niemanden übergehen, und wandte mich an die evangelische Gemeinde. Dort gab man mir die Telefonnummer eines Mannes, der als eine Art Gemeindearchivar über die Geschichte des Stadtteils Bescheid wissen sollte. Und von ihm erhielt ich dann die Information, dass in Sölde noch ein Enkel des Friedrich Menze lebt.

Herr Riedesel reagierte auf die Idee, eine Aktion zum Gedenken an seinen Großvater durchzuführen, ausgesprochen positiv. Er gab mir zu bedenken, dass er es für sehr wünschenswert halte, wenn junge Menschen dabei einbezogen würden, und erklärte seine Bereitschaft, dabei auch mitzumachen. Mir fielen zunächst die Sölder Pfadfinder ein, die ich zu kontaktieren versuchte. Die hatten aber gerade mit Umzügen und dem Verlust ihrer Räume zu tun und meldeten sich erst später zurück.

Dann wandte ich mich an die Leiterin der Emschertal-Grundschule, Frau Fröhlich, die den Stolperstein vor ihrer Haustür gar nicht kannte, die Idee, ihn in einer Feierstunde mit Kindern ihrer Schule zu säubern, aber sofort begeistert aufgriff. Gemeinsam mit Frau Cordes, der Leiterin des Offenen Ganztags an ihrer Schule, mit Herrn Riedesel und den Kindern des OGT gestaltete sie eine sehr würdige Gedenkfeier.

Als die Pfadfinder sich danach dann bei mir meldeten und ihren Willen ausdrückten, in den Folgejahren an den Gedenkaktivitäten teilzunehmen, schickte ich ihre Botschaft an Frau Fröhlich weiter. Ihre Antwort rücke ich hier ein, weil sie zeigt, wie sehr es den Verantwortlichen der Schule gelungen ist, die Kinder in die Gedenkarbeit einzubeziehen:

„Die Pfadfinder dürfen gern im nächsten Jahr anwesend sein, aber die Patenschaft geben wir nicht mehr ab. Unsere Kinder sind sehr besorgt um diesen Stolperstein und sehen fast täglich nach, ob alles in Ordnung ist. Ich bin ganz gerührt. Außerdem erinnern sie sich gegenseitig und uns Erwachsene, dass wir dafür beten müssen. Sie haben sich um den Stein gekniet und eine Gedenkminute abgehalten. Toll!“

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, außer, dass einige Fotos von der Gedenkaktion davon Zeugnis geben, wie die Kinder den Stolperstein zu „ihrem“ gemacht haben.

Notwendiger Nachtrag

Entgegen der Behauptung in meinem letzten Satz, ich hätte nichts mehr hinzuzufügen, gibt es nun doch noch eine Ergänzung: Ich hatte Herrn Riedesel meinen kleinen Artikel geschickt, worauf er mich anrief und zu sich nach Hause einlud. Er wollte mir noch einige weitere Informationen über seinen Großvater geben.

Wir tranken Kaffee und aßen Kuchen, und ohne groß nachzudenken, fragte ich ihn, ob er auch Jude sei. Da musste er herzlich lachen und meinte, diese Frage werde ihm immer gestellt, wenn es um seinen Großvater ginge. Dabei sei der ebensowenig Jude gewesen, wie er einer sei. Nein, Friedrich Menze sei ein aufrechter Sozialdemokrat gewesen, der aus seiner Gegnerschaft zur faschistischen Bewegung nie ein Hehl gemacht habe, und das habe ihn auch letztlich ins KZ und ums Leben gebracht. Na ja, letztlich sei es nicht diese Gegnerschaft selbst gewesen, sondern ein Denunziant aus der Nachbarschaft.

Und dann erzählte er noch weiter: 1945, er war acht Jahre alt, habe er mit seiner Mutter in einem kleinen Ort im Sauerland gelebt. Als die Amerikaner durch den Ort gezogen seien, habe seine Mutter eine weiße Fahne aus dem Fenster gehalten. Als die Amerikaner weg waren, seien Wehrmachtsangehörige in Gegenrichtung durchgezogen und hätten sie mit ihrem kleinen Sohn gefangen genommen und an eine Wand gestellt, um sie zu erschießen. Nur das couragierte Auftreten eines deutschen Soldaten, der kein weiteres Blut habe vergießen wollen, hätte ihnen das Leben gerettet.

Auch im Falle des achtjährigen Jungen und seiner Mutter habe es sich um eine Denunziation aus der Nachbarschaft gehandelt. „Das größte Schwein im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant!“ Dem ist nun aber wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

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